Samstag, 6. Mai 2017

Begegnungen mit der Steinzeit - Großsteingräber auf der Insel Rügen

Großsteingrab Lonvitz 1 (Sprockhoff-Nr. 490) Seit mehr als 10 Jahren reisen wir regelmäßig zur Insel Rügen und treffen auf unseren Wanderungen immer wieder auf Großsteingräber. Monumente prähistorischer Kultstätten faszinieren uns. Im visuell-emotional dominierten 'postfaktischen Zeitalter' finden sie auf der Touristeninsel nur minimales Besucherinteresse. Der Sachverhalt wundert uns wenig und freut uns viel.(1) Entgegen der auf Rügen verbreiteten Praxis verdanken wir ihm, dass der Zugang zu den Kultstätten kostenlos ist und wir sie unbehindert betrachten können.
Kulturelle Artefakte dieser Art entstehen nicht zufällig, sondern in Kontexten. Ein Verständnis solcher Bauwerke und ihrer Kontexte erschließt sich nicht durch Anschauung, sondern erst dank zusätzlicher Informationen. Verfügbare Daten und deren Qualität verhindern jedoch eine vollständige Erklärung von Bedingungen und Motivationen, unter denen Großsteingräber entstanden und öffnen weite Räume für Deutungen.(2) 
Mit der Absicht, das persönliche Verständnis der Bedeutung und Entstehungsbedingungen von Großsteingräbern auf Rügen zu vertiefen, verdichtet der aktuelle Post diesbezüglich über mehrere Jahre gesammelte Eindrücke und Informationen. Menge und Größe von Erklärungslücken können auf diesem Weg vielleicht reduziert werden. Restlos eliminieren lassen sich die Lücken nicht.

Megalithbauwerke vom Typ Dolmen (Großsteingräber) - Kennzeichen und Regionen ihres Auftretens

Megalithbauwerke i.S. von Steinsetzungen sind in Europa weit verbreitet. Gehäuft treten sie in Küstennähe auf.(3) Meistens (nicht ausschließlich) sind sie aus eiszeitlichen Geschiebeblöcken konstruiert und weisen unterschiedliche Architekturen auf. Als typische Merkmale gelten aus Decksteinen (Steintische) und seitlichen Tragsteinen bestehende Kammern, die von liegenden oder aufgerichteten Steinreihen umgeben sind. Gemäß überwiegender Auffassung wurden die Kammern für Bestattungen genutzt.

In welchem Zeitraum und unter welchen kulturellen Bedingungen sind Dolmen entstanden?

Mit der Jungsteinzeit (Neolithikum) setzten ab ca. 10.000 v. Chr. (regional zu unterschiedlichen Zeitpunkten) umwälzende Veränderungen ein, mit denen ein Übergang vom mobilen Leben als Jäger, Sammler und Fischer zur Sesshaftigkeit und Landwirtschaft stattfand. Megalithanlagen entstanden in Nordeuropa während der mittleren Jungsteinzeit im Zeitraum ab 3.600 bis 2.800 v. Chr. als spezifische Ausprägung der Trichterbecherkultur.(4)

Großsteingräber in Deutschland und auf Rügen

P1040500.jpg In Deutschland bestanden ehemals vermutlich 5.000 Megalithanlagen vom Typ Großsteingrab (volkstümlich als Hünengrab, international als Dolmen bezeichnet). In der Gegenwart sind in Deutschland ca. 900 mehr oder weniger gut erhaltene Großsteingräber bekannt, von denen 443 in Mecklenburg-Vorpommern liegen und sich auf der Insel Rügen auffällig konzentrieren.(5) Wieviele Großsteingräber neben ca. 1000 bekannten Hügelgräbern auf Rügen insgesamt existierten und bis heute erhalten sind, lässt sich nicht exakt bestimmen, weil viele dieser Megalithanlagen zerstört wurden, Reste nach Zerstörungen nicht mehr eindeutig identifizierbar sind oder Anlagen vielleicht noch nicht entdeckt wurden, weil sie versteckt unter Erdschichten liegen. Eine Rügen-Karte von 1829 registrierte 236 Großsteingräber. Aktuellere Dokumentationen identifzieren auf Rügen mehr als 60 Großsteingräber.(6)



Megalithanlage Großsteingrab Nobbin, Sprockhoff-Nr. 466) Die größte Megalithanlage Rügens ist das Großsteingrab Nobbin beim Ort Putgarten auf der Halbinsel Wittow. Beim Ort Lancken-Granitz sind gleich mehrere benachbarte Megalithanlagen in z.T. gut erhaltenem Zustand zu finden.(7)
Der Prähistoriker Ernst Sprockhoff führte im 20. Jh. systematische Untersuchungen von Großsteingräbern in Deutschland durch und stellte mit seinem mehrbändigen 'Atlas der Megalithgräber Deutschlands' einen bis 985 durchnummerierten Katalog deutscher Großsteingräber zusammen. Sprockhoff-Nummern kennzeichnet die Anlagen bis heute. Sprockhoffs Leistungen als Prähistoriker mögen verdienstvoll sein, als Persönlichkeit ist Ernst Sprockhoff jedoch umstritten, weil er vom 'nordischen, völkisch-gemanischen' Gedankengut infiziert war und sich in den Dienst nationalisozialistischer Institutionen stellte.(8)

Warum wurden diese Megalithanlagen mit großem Aufwand errichtet?

Grabkammer Großsteingrab Lonvitz 1 (Sprockhoff-Nr. 490) Die Kosten (gemessen in Arbeitskraft und Arbeitszeit) für die Errichtung derartiger Megalithanlagen waren immens. Lt. Wikipedia ergab eine Modellrechnung am Beispiel eines Großsteingrabes bei Großenkneten eine Bauleistung von 109.050 Arbeitsstunden. Megalithanlagen variieren selbstverständlich hinsichtlich Größe und Bauart. Auf 10.000 Stunden mehr oder weniger kommt es nicht an, sondern auf Dimensionen. Wenn als Größenordnung 100.000 Arbeitsstunden angenommen werden und ein Mensch 10 Stunden am Tag arbeiten würde, wären 10.000 Personentage Arbeitsleistung erforderlich, um ein solches Bauwerk zu errichten. Wenn 100 Personen diese Arbeit leisten würden, wäre die Errichtung in 100 Bautagen möglich (wenn alles glatt läuft, was jedoch bei Projekten dieser Größenordnung selten der Fall ist). Offensichtlich war die Arbeit wichtig. Anders wäre diese Leistung nicht zu mobilisieren.


Die Annahme, dass Bestattungen der primäre Zweck dieser Megalithanlagen waren, ist weit verbreitet, aber unsicher. Knochen wurden selten gefunden, und wenn Knochen gefunden wurden, waren Skelette nie vollständig. Indizien gestatten die Vermutung, dass es sich um Beinhäuser handelt, in denen skelettierte Knochen Verstorbener aufbewahrt wurden. Unsicher ist ebenfalls, ob alle Mitglieder eines sozialen Verbandes oder nur eine herausgehobene Elite in solchen Anlagen bestattet wurde. Der große Aufwand der Errichtung und der repräsentative Charakter dieser Anlagen machen plausibel, dass Megalithanlagen primär nicht als Grabstätten errichtet wurden, sondern als öffentliche Kultplätze für uns nicht bekannte rituelle Handlungen. Unsere kulturell angeeigneten Denkmuster lassen vermuten, dass diese Anlagen auch Prestigeobjekte waren und ihre Größe mit Machtverteilungen korrespondierte. Aber auch für diese Annahme sind keine Belege bekannt.(9)

'Großsteingrab' vs 'Dolmen'

In Anbetracht der unsicheren Informationslage ist der Begriff 'Großsteingrab' fragwürdig, weil er eine strittige Zweckhaftigkeit impliziert, die nicht entscheidbar ist. Der neutralere Begriff Dolmen (ein aus Trag- und Decksteinen erbauter 'Steintisch') ist darum zu bevorzugen.

Verweisen Dolmen (Großsteingräber) auf sozio-kulturelle Meta-Strukturen?

Spekulative Antworten auf Fragen nach einer weltweit verbreiteten Kultur mit Großsteinbauweise (Megalithkultur) werden kontrovers mit verschiedenen Hypothesen diskutiert. Belastbare Indizien lassen sich für keine der konkurrierenden Hypothesen reklamieren. Die Frage, ob verschiedene regionale Typen voneinander unabhängige Ursprünge oder eine gemeinsame Wurzel haben, ist ungeklärt.

Aus soziologischer Sicht lassen unterschiedliche Bauweisen und Formensprachen vermuten, dass Sesshaftigkeit, Bodenverbundenheit und Ackerbau in jungsteinzeitlichen Kulturen einen generellen Bedarf an integrativ wirkenden und Sinn stiftenden Kulten und Kultplätzen weckten und für ähnliche Lebensbedingungen in regional und sozial nicht in Verbindung stehenden Lebensräumen ähnliche Antworten gefunden wurden.

Morphologische Unterschiede in Details der gefunden Antworten machen einen weiträumigen kulturellen Austausch unwahrscheinlich. In der Rückbetrachtung sind Dolmen vermutlich als unabhängige Varianten einer Zeit überdauernden Symbolik solcher Antworten zu verstehen. Welche Bedeutungsinhalte und rituelle Handlungen an diese Symbolik gebundene waren, wissen wir nicht, weil sich aus den erhaltenen Symbol-Ruinen keine Informationen über die untergegangenen kulturellen Systeme rekonstruieren lassen.

Die Menge bewährter Sozialstrukten familiärer Verbände ist begrenzt. Ob jungsteinzeitliche Kulturen matrilineare oder patrilineare Strukturen aufwiesen, Sozialordnungen egalitär oder hierarisch strukturiert waren, Geschlechterbeziehungen monogam oder polygam organisiert waren, lässt sich anhand bekannter Funde nicht belastbar belegen.

Welche Sprache(n) und Dialekte in der Jungsteinzeit gesprochen wurden, ist uns so wenig bekannt wie kognitve Denkstrukturen, praktisches Wissen, Gefühlsleben und Weltverständnis von Steinzeit-Menschen.

Wir können nur vermuten, interpretieren und spekulieren.

Anmerkungen

  1. Die 'merkwürdigen' Steinmonumente eignen sich zwar als Posing-Hintergrund für 'Selfies', aber solche Szenen erleben wir nur selten. Vermutlich fallen die aus Findlingen zusammengesetzten Monumente nicht einmal als kulturelle Artefakte auf, wenn nicht Tafeln auf ihre Bedeutung aufmerksam machen. Falls sie wahrgenommen werden, scheint ihre Existenz nur selten Aufmerksamkeit zu erzeugen und Fragen anzuregen.
    Belastbare Erklärungen von Rezeptions-Verhalten erfordern Handwerkszeug und Methoden empirisch-kognitiver Wissenschaften. Auf dieses dünne Eis wollen wir uns nicht begeben und beschränken den Post auf die Darstellungen eigener Wahrnehmungen und Recherchen.
  2. Der Wikipedia-Artikel Großsteingrab verweist unter Weblinks auf mehrere interessante Seiten und Portale zu Großsteingräbern.
    Die dürftige Basis gesicherter Erkenntnis bildet Nährboden für esoterisches Denken und parawissenschaftliche Deutungen, die den Anspruch auf nachvollziehbare Erklärungsmodelle mit Begriffen wie Radiästhesie, Geobiologie, Geomantie, Feng Shui, Erdstrahlen, Wünschelrute, Pendel, Energiesensore vernebeln. Ein exemplarisches Beispiel bietet das Portal 'Forum für Grenzwissenschaft und Kornkreise': Hünengräber aus dem Neolithikum
  3. In Küstennähe war die Besiedlungsdichte höher als im Inland. Während Ackerbau nur saisonal Nahrung lieferte und Ernten auch ausfallen konnten, boten Meere und Lagungen ganzjährig relativ einfach zu erreichende, reichhaltige Nahrungsquellen. Darüber hinaus sind Wasserwege effektive Transportrouten.
  4. Die Trichterbecherkultur ist im nördlichen Mitteleuropa die erste vom Ackerbau geprägte Kultur des Frühneolithikums. Namengebende trichterförmige Trinkbecher aus Keramik haben ein bauchiges Unterteil und ein trichterartiges Oberteil und sind mit komplexen Mustern verziert.
  5. In Rügen sind relativ viele Großsteingräber vermutlich darum erhalten, weil sich wirtschaftliche und soziale Strukturen der Region nur mit geringer Dynamik verändert haben und darum von jüngeren Kulturschichten nicht vollständig überlagert wurden. 
  6. Portal Großsteingräber: Insel Rügen
  7. Wikipedia: Großsteingräber bei Lancken-Granitz
  8. Als forschender und lehrender Prähistoriker hat sich Sprockhoff einen Namen erworben, mit dem er an renommierte Institute berufen wurde, Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts war sowie zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin gewählt wurde. Sprockhoffs ideologische Gesinnung hat ihm offensichtlich nicht geschadet, sondern vermutlich eher genutzt. Sprockhoff war Mitglied im Stahlhelm und gehörte bereits vor der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 der SA an. 1933 wurde er Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund und 1937 Mitglied der NSDAP.  
    Anlässlich Sprockhoffs Tod im Jahr 1967 veröffentlicht die Bayerische Akademie der Wissenschaften einen Nachruf Sprockhoff Ernst (Jahrbuch 1968, Joachim Werner), in dem Joachim Werner, ein Archäologe mit dem Schwerpunkt frühes Mittelalter, Ernst Sprockhoff einen 'Persilschein' ausstellt. Die Nazi-Zeit leitet Joachim Werner verniedlichend als "jene turbulenten Jahre" ein, bevor er darlegt, dass sich Sprockhoff vermeintlich nicht für eine nationalsozialistische Ausrichtung von Forschung instrumentalisieren ließ, weil er sich nicht scheute "(...) die Leitung eines besonders verfemten Instituts zu übernehmen, der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt am Main." Im Schlussabschnitt seines Nachrufs befindet Joachim Werner: "Ernst Sprockhoff war ein ganzer Mann (...)."
    Nachfragen:
    1. Ist Sprockhoffs Entscheidung als 'Widerstand' zu werten, leistet er vielleicht sogar eine Heldentat, oder beruht sie auf Kosten-Nutzen-Erwägungen zum eigenen Vorteil?
    2. Welche Kritierien machen einen Mann zu einem "ganzen Mann"?  
    Dass Sprockhoff seine 'wissenschaftliche' Arbeit über den 2. Weltkrieg hinaus unterbrechen musste, weil er als Oberstleutnant und Regimentskommandeur der deutschen Armee bis 1947 in Kriegsgefangenschaft war, scheint Joachim Werner nicht als Widerspruch zu betrachten. Wer Joachim Werners Biografie sucht, findet bemerkenswerte Parallelen zur Biografie Ernst Sprockhoffs. Joachim Werner trat 1933 der SA und 1937 der NSDAP bei. 1936 wurde er korrespondierendes und ab 1943 ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts. Der Verdacht liegt nah, dass Joachim Werner sich auch selbst einen 'Persilschein' mit dem Nachruf ausstellen wollte.
    Verstrickungen in nationalsozialistischer Politik und Vertuschung dieser Verstrickungen nach Kriegsende sind allerdings kein exklusives Privileg von Sprockhoff und Werner, sie ziehen sich quer durch die akademische Elite Deutschlands.
  9. Die dürftige Basis gesicherter Erkenntnis öffnet Räume für esoterisches Denken und parawissenschaftliche Deutungen, die den Anspruch auf nachvollziehbare Erklärungsmodelle mit Begriffen wie Radiästhesie, Geobiologie, Geomantie, Feng Shui, Erdstrahlen, Wünschelrute, Pendel, Energiesensore vernebeln.

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